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Workshop Film: Der futuristische Film – Zwischen Untergang und Utopie

Dozent Dr. Gottlieb Florschütz
Zeit und Ort Fr 14.00 – 16.00; Olshausenstr. 75, Gebäude S2, Raum 26
Beginn 01. November 2013
Unterrichtsstunden 24
Teilnehmerzahl max. 24
Veranstaltungsentgelt 35,- EUR

 

Inhalt:

Die naive Technik-Euphorie der Sechziger und Siebziger Jahre ist nach dem Unfall von Tschernobyl und dem Absturz der Raumfähre Columbia einer tiefen Skepsis gegenüber den bedrohlichen Seiten des technischen Fortschritts gewichen. Barack Obamas Abhörprogramm des Internet sprengt jeglichen Datenschutz – wir alle sind in den Augen der Geheimdienste potentielle Terroristen - Great Brother ist watching over us!

In futuristischen Filmen wie George Orwells „1984“ werden Staat und Gesellschaft von einem omnipräsenten Potentaten namens „Great Brother“ kontrolliert, eine düstere Zukunftsvision, die angesichts ständiger Überwachung und Datenvorratsspeicherung schon heute Wirklichkeit zu sein scheint. In Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ werden die Menschen durch die künstliche Droge „Soma“ zu bewusstlosen Zombies umgeformt, eine Entwicklung, die angesichts von 3-D-Fernsehen und Cyberspace heute schon nahe zu sein scheint.

Im futuristischen Film wird auf derartige bedrohliche Entwicklungen Bezug genommen, wobei die zunehmende Selbstentfremdung des modernen Menschen in einer arbeits- und verantwortungsteiligen Leistungs- und Konsumgesellschaft ein Kernthema ist, wie schon im frühen Stummfilm, z. B. in Fritz Langs Klassiker „Metropolis“ (1926). In Philip K. Dicks futuristischen Visionen „Total Recall“, „Matrix“ und „Project Brainstorm“ werden menschliche Gehirne durch intelligente Computerprogramme so gezielt manipuliert, dass sie diese digital vorgekaukelte Welt für die einzig wirkliche halten, eine fatale Selbsttäuschung, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. H. G. Wells hat in seinen prophetischen SF-Romanen „Die Zeitmaschine“ und „Die Insel des Doktor Moreau“ gegenwärtige technologische Entwicklungen wie die genetische Manipulation von Tieren und Menschen vorweg genommen, die zur Selbstentfremdung und Exkulpation des Menschlichen führen. In den futuristischen Fiktionen von Rainer Erler „Das Genie“ und „Unsterblichkeit“ (Reihe: „Das blaue Palais“) kann auch das menschliche Gehirn transplantiert werden und Menschen durch genetische Manipulation unsterblich gemacht werden. In Rainer Werner Fassbinders futuristischer Utopie „Welt am Draht“ verschmelzen Wirklichkeit und virtuelle Illusion, in Jean Luc Godards düsterer Utopie „Alphaville“ werden die Menschen von einem Zentralgehirn kontrolliert. In Ray Bradburys „Fahrenheit 254“ wird die menschliche Gesellschaft als geschichts- und identitätslose Massenkultur geschildert, in der es keine Bücher mehr gibt und das eigenständige Denken verboten ist. H. G. Wells entwirft in seinem düsteren Zukunftsroman  „Die Insel des Doktor Moreau“ unheimliche Chimären, gewissenlose Zwitterwesen zwischen Mensch und Tier, die nur durch schmerzliche Strafen davon abgehalten werden können, das Blut ihrer Mitmenschen zu trinken – finstere Visionen, die angesichts des Genomprojekts schon heute durchaus denkbar erscheinen. In „Soylent Green“ werden die Menschen selbst am Ende selbst der technischen Verwertbarkeit unterworfen und als Nahrung für die übervölkerte Erde genutzt. In „Omega Man“ ist die degenerierte Menschheit einem Virus zum Opfer gefallen, der in einem Biowaffenlabor erzeugt wurde. In apokalyptischen Filmen wie „The Day After“ und „Quiet Earth“ wird die Apokalypse als nukleares Inferno geschildert. In Stanley Kubricks „Doktor Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ wird ein Atomkrieg aus Versehen ausgelöst, ein Szenario, das von Militär-Experten durchaus für plausibel gehalten wird. Spüren Tiere wie etwa Ratten das drohende Ende der Menschheit schon lange vor dem Untergang wie jene  prophetische Ratte in Günter Grass’ futuristischem Roman „Die Rättin“? Werden intelligente Aliens uns vor dem drohenden atomaren Holocaust retten wie in „Der Tag, an dem die Erde stillstand“? Oder wird am Ende eine andere Spezies wie die die intelligenten Schimpansen in „Planet der Affen“ bald die Herrschaft über die Erde antreten und die Menschheit vom „Thron der Schöpfung“ verdrängen? Stanley Kubricks futuristische Vision „Odyssee 2001 – Verschollen im Weltraum“ schildert die Reise der Menschheit zu den Sternen als Odyssee von den affenartigen Primaten-Vorfahren bis zum Weltraumzeitalter, das von superintelligenten Computern wie HAL 9000 beherrscht wird und in dem wir Menschen im Grunde entbehrlich geworden sind. Futuristische Filme enthalten viel utopisches Potenzial, dem wir im Film-Workshop nachspüren wollen. Sie spiegeln die gegenwärtigen Trends zur Übervölkerung, Massenkultur, Daten-Überwachung, Genmanipulation, Atomkrieg, Umweltvergiftung, Klimawandel etc., deren fatale Folgen sie visionär vorwegnehmen. Ausgehend von ausgewählten futuristischen Filmen wollen wir über diese Fragen angeregt diskutieren und nach Lösungen und Rettungen suchen, denn – wie schon Goethe sagte: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch…“.

 

Filmauswahl (vorläufig):

- Metropolis, von Fritz Lang
- Odyssee 2001, von Stanley Kubrick
- Fahrenheit 451, von Ray Bradbury
- Schöne neue Welt, von Aldous Huxley
- 1984, von George Orwell
- Die Insel des Doktor Moreau, von H.G.Wells (DNA, mit Marlon Brando)
- Der Tag, an dem die Erde stillstand
- Welt am Draht, von Rainer Werner Fassbinder
- Alphaville, von Jean Luc Godard
- Doktor Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben (Stanley Kubrick)
- Quiet Earth
- The Day After
- Planet der Affen
- Omega Man
- Die Zeitmaschine (H.G. Wells)
- Die Insel des Doktor Moreau (H.G. Wells)
- Westworld
- Matrix
- Project Brainstorm
- Die Rättin (nach Günter Grass)
- Das Genie (aus der Reihe: „Das blaue Palais“ von Rainer Erler)
- Unsterblichkeit (aus der Reihe: „Das blaue Palais“ von Rainer Erler)
- Fleisch, von Rainer Erler
- Das schöne Ende dieser Welt, von Rainer Erler
- Plutonium, von Rainer Erler