Geschäftsstelle Allgemeine Wissenschaftliche Bildungsangebote

Goethe (1749 – 1832): Die Wahlverwandtschaften

Dozent Dr. Wolfgang Kehn
Zeit und Ort A: Mi 10.15 – 11.45; Olshausenstr. 75, Gebäude S2, Raum 165 (ausgebucht!)
B: Do 10.15 - 11.45; wird noch bekannt gegeben
Beginn A: 30. Oktober 2013
B: 31. Oktober 2013
Unterrichtsstunden 24
Teilnehmerzahl max. 45
Veranstaltungsentgelt 35,- EUR

Es wird wieder ein zweites Seminar am Donnerstag zur gleichen Uhrzeit angeboten (Beginn 31. Oktober 2013).
Anmeldungen können nur noch für die Donnerstagstermine angenommen werden.

Inhalt:

Goethes „Wahlverwandtschaften“ (1809) gehören zum Spätwerk des Dichters. Sie lösten bei ihrem Erscheinen einen moralisch-religiösen Skandal und haben seitdem immer wieder besonders kontroverse Deutungen und Bewertungen provoziert: Goethe selbst hat geäußert, in diesem Roman gehe es darum, „sociale Verhältnisse ...symbolisch gefasst“, nämlich im Symbol der „Wahlverwandtschaft“, darzustellen. „Wahlverwandtschaft“ ist in der damaligen Zeit ein Fachausdruck der Chemie, die Bezeichnung für die Affinität von unbelebten Stoffen, aufgrund derer sie Verbindungen miteinander eingehen oder sie lösen. Was besagt es, wenn Goethe sie in seinem Roman als Symbol für lebendige zwischenmenschliche („sociale“) Beziehungen behandelt? Werden diese damit einem naturgesetzlichen Mechanismus unterworfen und damit der freien Entscheidung und sittlichen Verantwortung entzogen? In der Tat war dies der zentrale Punkt, an dem sich der zeitgenössische moralische Skandal entzündete. Und Goethe – so scheint es auf den ersten Blick – hat diese Auffassung in der „Selbstanzeige“, mit der er seinen Roman ankündigte, noch bekräftigt, wenn er darauf hinweist, dass „doch überall nur eine Natur ist und auch durch das Reich der heitern Vernunftfreiheit die Spuren trüber, leidenschaftlicher Notwendigkeit sich unaufhaltsam hindurchziehen.“ –

Die Vorstellung von „nur Einer Natur“ – sein Pantheismus – war für Goethe seit seiner Jugend eine zentrale Idee: Sie erfährt in den „Wahlverwandtschaften“ jedoch eine deutliche Problematisierung: In der Jugend hatten er und seine Freunde die „Mutter Natur“ als zentrale Sinngebungsinstanz verehrt und sich ihr gläubig anvertraut:

„Alles ist immer da in ihr.  […] Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise und still. […] Sie ist listig, aber zu gutem Ziele […].Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten, sie wird ihr Werk nicht hassen. […]“

Dieser Glaube seiner Jugend, dass die Natur „gütig“ und zu einem „guten Ziele“ wirke und dass sich dies vor allem in der Liebe – der „Krone“ der Natur – manifestiere, scheint erschüttert, wenn Goethe nun damit rechnet, dass in der „Natur“ – eben weil sie allumfassend ist – auch mit dem „unaufhaltsamen“ Wirken „trüber, leidenschaftlicher Notwendigkeit“ gerechnet werden muss. Und dies ist es in der Tat, was der Roman demonstriert: Er schildert das tragische Scheitern von Liebesbeziehungen: wie ein Kreis von edlen Menschen unter dem Zwang leidenschaftlicher Liebe ihr Lebensglück, ja ihr Leben selbst zerstört.

Wie immer, so wird die Lehrveranstaltung auch diesmal nicht in Form von Vorlesungen, sondern im Seminargespräch durchgeführt. Dazu ist eine gute Kenntnis des Romans schon zum Seminarbeginn nötig. Damit die Gespräche eng am Text geführt werden können, ist es sehr wünschenswert, wenn alle die folgende Ausgabe benutzen:

Goethe: Die Wahlverwandtschaften, Reclamausgabe RUB 7835.
Dazu gibt es ein Bändchen mit Erläuterungen, das sehr empfohlen wird (RUB 8156).

 

Literatur: 

- B. v. Wiese: Kommentar zu Die Wahlverwandtschaften in: Goethes Werke, hrsg. v. E. Trunz (= „Hamburger Ausgabe“) Bd.VI, 10.neubearb. Aufl., München 1981.
- E. Rösch (Hrsg.): Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften, Darmst.1975 (= Wege der Forschung 53).
- H.R. Vaget: Ein reicher Baron. Zum sozialgeschichtlichen Gehalt der Wahlverwandtschaften, in: Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft 25 (1980), S.123-161.
- W. Schwan: Goethes Wahlverwandtschaften. Das nicht erreichte Sociale. München 1983.
- M. Niedermaier: Das Ende der Idylle . Symbolik, Zeitbezug, Gartenrevolution in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften. Berlin 1992.