Geschäftsstelle Allgemeine Wissenschaftliche Bildungsangebote

„Genie und Wahnsinn“ – eine legendäre aber irreführende Formel!

Dozent Fritz Bremer
Zeit und Ort Fr 10.00 - 13.00 Uhr,
Raum wird noch bekanntgegeben!
Termine 26.10., 02.11. u. 23.11. 2018
Unterrichtsstunden 9
Teilnehmerzahl 12
Veranstaltungsentgelt 25.- EUR

 

Inhalt:
Was ist das Besondere künstlerischer und literarischer Arbeiten von Menschen in psychischen Krisen?
… und dann wird auf Hölderlins Schizophrenie, auf Goethes Stimmenhören, auf die psychotische Episode des Jacob Michael Reinhold Lenz – wunderbar einfühlsam erzählt von Georg Büchner – verwiesen und vielleicht vermutet jemand, Kafkas literarisches Werk zeige einen engen Zusammenhang zu seinen Angst- und Zwangserfahrungen. Jacob van Hoddis wird erwähnt, sein Gedicht „Weltende“, seine schizophrene Erkrankung und sein Tod als Opfer der Euthanasiemorde. Ach ja – die Prinzhorn-Sammlung, der große Einfluss, den die Werke psychisch erkrankter Menschen auf die Malerinnen und Maler der Epoche hatten, die wir später dann  Expressionismus nannten. Was ist eine Schizophrenie? Der Begriff steht da wie ein Mythos. Er ist aber in der psychiatrischen Arbeit aus der Mode gekommen, wird heute beschrieben als eine der Formen der Psychosen. Was ist eine schizophrene Psychose? Was hat das Psychose-erleben mit künstlerischer, literarischer  reativität zu tun? Inwiefern steht die Psychose-Erfahrung in engem Zusammenhang mit der Erfahrung der schöpferischen Arbeit? Und warum ist die Formel „Wahnsinn und  Genie“ irreführend? Mit diesen Fragen wollen wir uns befassen – und zwar in vier Schritten:
1. Wir werfen einen Blick auf das Lebenswerk von Leo Navratil, dem Wiener Psychiater, der vor allem durch die Förderung der künstlerischen und literarischen Arbeiten seinen Patienten bekannt wurde. Anfang der siebziger Jahre erschienen seine ersten Bücher „Gespräche mit Schizophrenen“, „Sprache und Schizophrenie“,  „Alexanders poetischen Texte“. Wir lernen seinen Begriff von der „zustandsgebundenen Kunst“ kennen.
2. Wir werden Leben und Werk des deutschjüdischen Dichters Jacob van Hoddis, der eigentlich Hans Davidsohn hieß, kennenlernen. Warum entfalteten seine Gedichte um 1910 eine solche Wirkung? Sie galten als Initialzündung der expressionistischen Lyrik. Inwiefern hatten sie ihren Ursprung im Modernisierungsschub dieser Zeit? Und hatten sie etwas mit dem Beginn seiner schizophrenen Erkrankung zu tun?
3. Von 1984 bis 2014 erschien die Zeitschrift „Brückenschlag – Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Literatur und Kunst“. Sie nahm Anregungen Leo Navratils auf. Sie machte die Lebensgeschichten psychisch erkrankter Menschen kenntlich. Sie stellte literarische und künstlerische Arbeiten ganz unbekannter psychisch erkrankter Menschen vor und wurde für sie zu einem Forum des Austausches von Erfahrungen, von Texten und Bildern. Sie wurde zu einem Bestandteil der sozialpsychiatrischen Reformentwicklung und war zugleich eine literarische Zeitschrift.
4. Wir lernen Dorothea Buck und ihr Buch „Auf der Spur des Morgenstern – Psychose als Selbstfindung“, erschienen 1990 kennen. Dorothea Buck wurde im April 2017 hundert Jahre alt. Nach einer beeindruckenden psychotischen Episode erlitt sie 1936 die Zwangssterilisation in der Psychiatrie des NS-Staates. Sie erlebte weitere psychotische Phasen und ihren Weg der Selbstheilung. Ihr Buch und die durch sie mitbegründeten Psychose-Seminare wurden zu Meilensteinen der Veränderung in  der Psychiatrie.

Arbeitsmethoden:
kurze Vorträge, Berichte, die Vorstellung von Büchern, Gespräche über Texte, Diskussion und Austausch..