Geschäftsstelle Allgemeine Wissenschaftliche Bildungsangebote

Umweltgeschichte Deutschlands

Dozenten Prof. Dr. Hans-Rudolf Bork, MSc. Svetlana Khamnueva
Zeit und Ort Fr 10.15 - 11.45 Uhr,
Olshausenstr. 75, Hörsaal 2
Beginn 26. Oktober 2018
Unterrichtsstunden 22
Teilnehmerzahl max.80
Veranstaltungsentgelt 35,- EUR

Inhalt:
Deutsche haben in erheblichem Maße die Umwelt verändert. Wir reisen in der Vorlesung über die entscheidenden Trittsteine der deutschen Umweltgeschichte durch die vergangenen Jahrtausende bis in die Zukunft. Von der Landschaftsnutzung in der Jungsteinzeit über die Landschaftsveränderungen durch die Römer, die großen Naturkatastrophen und Seuchenzüge der ausklingenden Antike und des beginnenden Mittelalters zum Landesausbau im hohen Mittelalter und den dramatischen Umweltkatastrophen des 14. Jh., denen fast die Hälfte der Menschen auf dem heutigen Gebiet Deutschlands zum Opfer fällt.
Holzfällerei, Flößerei und Bergbau  erändern Pflanzendecke, Böden und Gewässer in den Mittelgebirgslandschaften. Wir erleben die Ausrottung von Auerochse, Braunbär und Wolf, die Ankunft von Mais, Tabak und Kartoffeln. Die erbarmungslose Kälte der Kleinen Eiszeit führt zu Missernten, Hungersnöten, Tod und – später – auch zur Auswanderung. Die deutsche Grönlandfahrt lässt deutsche Wohnzimmer erstrahlen. Teer quillt aus einem Acker bei Wietze, wovon dann irgendwann einmal die verbliebenen Wale profitieren.
Landgraf Karl von Hessen-Kassel bewirkt die Umgestaltung des Karlsberges im Habichtswald; württembergische Gassen werden regelmäßig gesäubert. Sturmfluten ermöglichen das Auftreten von Malaria in denNordseemarschen. Heuschrecken vernichten Ernten. Nach dem Rohr liefern die Rüben den begehrten Zucker. Die letzten Naturlandschaften werden kolonisiert, Moore und Heiden verschwinden. Die Kohle- und Stahlindustrie verfinstert nicht nur die Städte über Ruhr und Saar. Das Land wird neu geordnet. Ludwig van Beethoven flüchtet vor dem großen Winterhochwasser. Immer größere Kanäle werden gegraben, um Waren preiswerter transportieren
zu können.
Reinhold und Georg Forster begleiten James Cook um die Welt, Alexander von Humboldt erforscht Lateinamerika und Amalie Dietrich jagt für Caesar Godeffroy nach Pflanzen und Tieren in Australien.
Schadstoffe ausstoßende Handwerksbetriebe werden in den Städten unbeliebt, sie müssen umziehen und verdrecken nun Vororte und ländliche Gebiete. Fleckfieber und Cholera grassieren – Robert Koch hilft. Carl Sprengel und Justus von Liebig entdecken die Bedeutung von Pflanzennährstoffen. Fritz Haber gelingt die Ammoniaksynthese. Und die Mineraldüngung lässt daraufhin Ernten regelrecht explodieren.
Eisenbahnen und Straßen verbinden und teilen das Land. Carl Benz meldet den ersten Wagen ohne Pferde zum Patent an. Die ersten synthetischen Insektizide werden entwickelt. Theodor Lessing gründet den Anti-Lärmverein. Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg verheeren Deutsche viele Landschaften. Otto Bayer synthetisiert Polyurethan. Kok-Saghys soll fehlenden Naturkautschuk ersetzen – dazu wird im KZ Ausschwitz „geforscht“. Deutsche töten mit dem Insektizid und Desinfektionsmittel  Zyklon B massenhaft Menschen. Nach dem  Zweiten Weltkrieg werden die Feldfluren im Westen bereinigt und im Osten kollektiviert.  Das westdeutsche Wirtschaftswunder fußt auf Öl und Gas. Luft- und Gewässerbelastungen sind in beiden deutschen Staaten dramatisch. Der Bodensee-Kilch und der Europäische Stör
gelten als ausgestorben.
Endlich werden Gesetze erlassen, die Wasser-, Luft-, später auch die Bodenqualität verbessern, die Artenvielfalt erhalten und den Lärm mindern sollen. Bernhard  Grzimek prangert„ grausame Tierquälerei“ durch „Massentierhaltung“ an. Bernhard Ulrich warnt drastisch vor dem Waldsterben. Aber Luftreinhaltungsmaßnahmen verhindern es. Die Partei „Die Grünen“ gründet sich in Westdeutschland. Professor Klaus Hasselmann identifiziert den menschengemachten Klimawandel und der für  Skitouristen attraktive Schneeferner auf dem Zugspitzplatt wird im Sommer mit LKW-Planen – vergeblich – vor dem Schmelzen geschützt. Große, erst von Menschen ermöglichte Hochwasser peinigen Menschen an Oder, Elbe und Donau. Orkane werfen massenhaft Bäume um, da Forstbeamte zuvor vorwiegend aus wirtschaftlichen Gründen oftmals nicht sehr standfeste Baumarten gepflanzt haben. BSE erfasst Rinder und das Virus H5N8 Vögel. Freies Bisphenol ist im Blut von Müttern nachgewiesen. Antibiotika sind in Grund- und Oberflächengewässern. Die Eschen sterben. Dieselgetriebene Fahrzeuge bewegen die Deutschen (noch). Die Umweltgeschichte Deutschlands ist bewegend.
Warum reagieren und agieren wir oftmals nicht oder (zu) spät? Was ist zu tun? Wie kann eine Zukunft mit gesunden Menschen, die in einer intakten Umwelt leben, und mit noch günstigeren sozialen Bedingungen erreicht werden? Mögliche Wege werden am Ende der Vorlesung aufgezeigt. Notwendig ist dazu zuerst ein tiefer Einblick in die Vergangenheit und damit ein weitreichendes Verständnis der vielfältigen Mensch-Umweltbeziehungen mit ihren Triebkräften. Erst dann kann sich die bestehende
Verunsicherung in Zuversicht wandeln. Und wir können uns in eine gute Zukunft führen, die durch Rücksicht, Vorsorge und von einem tiefen positiven Glauben an den Zauber der Menschen und der Welt geprägt ist.