Geschäftsstelle Allgemeine Wissenschaftliche Bildungsangebote

Workshop Philosophie I – Aristoteles: Die Nikomachische Ethik

Dozent

Dr. Gottlieb Florschütz

Zeit und Ort

Mo 18.15 – 19.45;
Olshausenstr. 75, Gebäude S3, Raum 31

Beginn

13. April 2015

Unterrichtsstunden

24

Teilnehmerzahl

min. 12; max. 30

Veranstaltungsentgelt

40,- EUR

 

 

 

 

 

 




Inhalt:

Nach Platon folgt chronologisch in diesem Semester Aristoteles (384-322 v.Chr.), der als Sohn eines Arztes in Stagyra geboren wurde und die Logik und Ethik der Antike revolutioniert hat. Die Nikomachische Ethik von Aristoteles ist recht gut geeignet, in die Philosophie des großen Aristoteles einzuführen, der bis heute nach Platon als der bedeutendste Denker der Antike gilt und enormen Einfluss auf die gesamte mittelalterlich-scholastische Philosophie, auf die Kirchenväter Augustinus und Thomas von Aquin ausübte; sie gilt z. B. auch heute noch als ethische Grundlage für die katholische und evangelische Soziallehren. Die Frage nach einer übergeordneten Norm für "gut" und "böse" beantwortet Aristoteles mit seinem Tugendkatalog der ethischen und dianoethischen Tugenden, in welchem die Gerechtigkeitsidee absolut vorrangig ist. Im Gegensatz zu Platon definiert Aristoteles die Gerechtigkeit im Staat nicht auf ein Gleichgewicht zwischen den Ständen der Ernährer, Wächter und Herrscher bezogen, sondern als Teilhabe jedes einzelnen an Eigentum und Macht im Staat; eine sehr modern anmutende Auffassung von Gerechtigkeit, die wir heute oft mit Gleichheit gleichsetzen.

 

In seiner sog. "Nikomachischen Ethik" hat Aristoteles die ethischen Grundfragen des menschlichen Lebens thematisiert: Die Fragen nach der rechten tugendhaften Lebensführung, nach dem tieferen Sinn von Freundschaft, Ehe und Familie sowie Ehre und Tapferkeit sowie die dianoethischen Tugenden der Weisheit, Besonnenheit und Gerechtigkeit, die wir alle uns nach Aristoteles aneignen müssen, wenn wir ein menschenwürdiges Leben führen wollen. Das Glück ist nach Aristoteles eine besondere Leistung der Seele, nämlich diejenige Aktivität auszuüben, die jeder einzelnen Seele wesensgemäß ist.

 

Anhand der aristotelischen Ethik kann man besonders prägnant die Unterschiede zwischen heidnischer und christlicher Ethik ermessen: Die ersten Christen und die Stoiker halten die Tugend für das höchste Gut; der Demokrat Aristoteles hingegen hält Macht und Eigentum und die Teilhabe daran für das Wichtigste; er kann deshalb nicht mit einem Gesellschaftssystem einverstanden sein, das in diesen Beziehungen ungerecht ist, wobei er übrigens auch den Platonischen Staatsentwurf als ungerecht brandmarkt.

 

Die christlichen Tugenden der Demut und Selbsterniedrigung lehnt Aristoteles ebenso ab wie Platos Staatsidee der Philosophenkönige in einem statischen Ständestaat und stellt den Stolz, das Selbstbewusstsein des denkenden Menschen an deren Stelle: "Wer Seelengröße besitzt, muss, wenn anders er das Höchste beanspruchen darf, ein vortrefflicher Mensch sein. Also muss, wer wahrhafte Seelengröße besitzt, zugleich auch sittlich gut sein." (Aristoteles, Nikomachische Ethik). Die christliche Ethik missbilligt den Stolz, den Aristoteles für eine Tugend hält, und will die Menschen zur Demut und Selbsterniedrigung erziehen, die Aristoteles gerade als Laster gilt. Die christliche Auffassung der Tugend besteht darauf, dass Tugend für Sklaven und Herren gleichermaßen erreichbar sein müsse; Aristoteles hingegen behauptet, Freundschaft sei nur für ethisch hochstehende Charaktere möglich. Die intellektuellen Tugenden, die Plato und Aristoteles am höchsten schätzten, müssten überhaupt aus der Liste der christlichen Tugenden gestrichen werden, damit die Armen und Demütigen ebenso tugendhaft sein können wie alle übrigen.

 

Papst Gregor der Große tadelte in aller Form einen Bischof, weil er Grammatik lehrte. Im Film "Der Name der Rose" von Umberto Eco lassen Mönche in einem Bergkloster die Komödie des Aristoteles verschwinden, weil im Kloster nicht gelacht werden darf. Die aristotelische Auffassung, die höchste Tugend sei nur wenigen edlen Charakteren vorbehalten, findet ihre logische Begründung darin, dass er die Ethik der Politik unterordnet. Wenn es aber vorrangig ist, eher den guten Staat als den guten Menschen (nicht zu verwechseln mit dem sog. "Gutmenschen") anzustreben, dann ist wohl in einem solchen Staat auch Subordination möglich. Die Demokratie erwartet von einem Präsidenten nicht, dass er voll und ganz dem aristotelischen Menschen von der Seelengröße entspricht; wohl aber nimmt man an, dass er sich beträchtlich vom Durchschnittsbürger unterscheidet und für seine Stellung bestimmte Vorzüge mitbringt. Diese Vorzüge wird man vielleicht nicht unbedingt als "ethische" bezeichnen, was aber daran liegt, dass wir dieses Adjektiv in engerem Sinne gebrauchen als Aristoteles. In unserer demokratischen Gesellschaft mehren sich in letzter Zeit die Stimmen der Unzufriedenen; möglicherweise liegt dies eben genau daran, dass sich unsere politische Elite eben nicht mehr sonderlich vom Durchschnittsbürger unterscheidet und wir keine Vorbilder mehr in ihnen sehen können? Wo finden sich jene sittlich guten, vortrefflichen Menschen, die auch einen demokratischen Staat auf gerechte Weise lenken könnten? Und wie können wir alle dazu beitragen, dass unser Staat gerechter und menschenwürdiger wird angesichts der drohenden politischen, ökologischen und ökonomischen Krisen, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen werden? Wie kann Aristoteles‘ Tugendkatalog uns dabei helfen, diese drohenden Krise zu bewältigen und zu überwinden?

"Nehmt eine Tugend an, die ihr nicht habt, Der Teufel Angewöhnung, der des Bösen Gefühl verschlingt, ist hierin Engel doch: Er gibt der Übung schöner, guter Taten nicht minder eine Kleidung oder Tracht, die gut sich anlegt" (Shakespeare: Hamlet an seine Mutter).

 

Seminarlektüre:

Aristoteles: Nikomachische Ethik (verschiedene Textausgaben möglich)