Geschäftsstelle Allgemeine Wissenschaftliche Bildungsangebote

Workshop Philosophie B: Sören Kierkegaard oder: Die Kunst, ein Selbst zu sein

Dozent

Dr. Gottlieb Florschütz

Zeit und Ort

Do 18.15 – 19.45; Leibnizstr. 1, Raum 207a

Termine

17.04., 24.04., 08.05., 15.05., 22.05., 05.06., 12.06., 19.06., 26.06., 03.07., 10.07., 17.07.2014 

Unterrichtsstunden

24

Teilnehmerzahl max.

30

Veranstaltungsentgelt

35,- EUR

Zusatzentgelt

Für Kopien, Materialien, Medien oder Labornutzung können nach Absprache weitere Kosten entstehen.

 

Inhalt:

.„Der Zustand der Welt ist krank“, so diagnostiziert der dänische Philosoph Sören Kierkegaard im Jahr 1848, „Wenn ich ein Arzt wäre, so würde ich der Welt raten: Schaffe Schweigen!“ Wir müssen unser Leben nach rückwärts betrachten, aber zugleich nach vorne leben, so fordert Kierkegaard uns auf.

Der philosophische Einfluss des dänischen Existenzphilosophen Sören Kierkegaard erstreckte sich weit über Dänemark hinaus auf die europäische Geistesgeschichte: Seine Gedanken hatten großen Einfluss auf Heidegger und Jaspers; Nietzsche hat ihn rezipiert und wesentliche Elemente seines Denkens übernommen. So kann man Kierkegaard durchaus als Wegbereiter des modernen Existenzialismus ansehen, in dessen Philosophie sich schon alle wesentlichen Aspekte der späteren Existenzphilosophen im Ansatz finden. Scharfsinnig wie kein anderer Existenzphilosoph analysierte Kierkegaard unsere existenziellen Befindlichkeiten wie Angst, Furcht, Liebe, Einsamkeit, Verzweiflung und Tod. „Unser Dasein riecht nach nichts …“, so beginnt Kierkegaards existenzphilosophischer Ansatz, dessen Grundgedanken immer wieder das eigene Selbst und die existenzielle Verzweiflung fokussieren. Die Reflexion des Nichts, führt ihn schließlich durch einen Sprung zum Glauben, der für unseren Verstand immer paradox bleibt. Kierkegaard betrachtet den Menschen zuerst als selbstreflektierten „Geist“, und erst danach als seelisch-körperliche Synthese; seelische Gesundheit ist nach Kierkegaard eine unmittelbare Bestimmung des Geistes, woraus dann die Krankheiten der Seele oder des Körpers folgen. Wenn wir unser Leben nicht als ein „Selbst“ leben, wäre es verpfuscht, so Kierkegaard:

„Doch nur d e r Mensch hätte sein Leben verpfuscht, der, von den Freuden und Sorgen des Lebens betrogen, so dahinlebte, dass er sich niemals ewig entscheidend selbst als Geist, als Selbst bewusst würde, oder, was dasselbe ist, niemals bemerkte und im tiefsten Sinn einen Eindruck davon bekäme, dass da ein Gott ist, und ‚er’ er selbst, sein Selbst vor diesem Gott, ist, ein Gewinn der Unendlichkeit, der sich niemals anders als durch Verzweiflung erreichen lässt.“

(Kierkegaard, die Krankheit zum Tode, 1848, S.28)

Das empirische Selbst muss zuerst gebrochen werden, um wahres Selbst zu werden. Diese zunächst rätselhaft und esoterisch klingenden Worte benennen die ontologische Grundbefindlichkeit des modernen Menschen in seiner existenziellen Verzweiflung, der Weg zum Selbst führt über diese Verzweiflung, verzweifelt ein Selbst sein zu wollen oder verzweifelt kein Selbst sein zu wollen, dem Selbst auszuweichen in das Man der Massenkommunikationsmittel.

Was Kierkegaard mit „Selbst“ oder „Selbst-Sein“ meint, erschließt sich uns vor der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit, die vor allem durch Ablenkung und hedonistische, konsumerische Fun-Orientierung geprägt ist. Kennen wir in einer Lebenswirklichkeit, die zunehmend von Fluchtmöglichkeiten in eine Massenkultur geprägt wird, die uns des Selbst entledigen will,

eigentlich noch unser wahres Selbst und das damit einhergehende Glück der Verzweiflung, oder wird hier nicht ein Pseudo-Selbst an die Stelle des wahren Selbst gesetzt? So kann man Kierkegaards Existenzphilosophie – gerade vor dem Hintergrund der modernen Massenkultur – durchaus als die Kunst, ein Selbst zu sein bzw. zu werden, lesen! Die Lektüre von Kierkegaards vielschichtigen Schriften kann für uns auch heute noch zu einer spannenden existenziellen Begegnung mit dem Selbst werden. Die Beschäftigung mit Kierkegaard kann uns dabei helfen, den Blick für die wesentlichen Dinge des Lebens zu schärfen: „Herr, gib uns blöde Augen für Dinge, die nichts taugen – und Augen voller Klarheit, in alle deine Wahrheit!“ (Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, 1848)

 

Seminarlektüre:

Sören Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode, 1848, Reclam-Verlag, Stuttgart 1997, ders.: Entweder – oder? Ders.: Der Begriff Angst